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Autobiografie von Wilhelm Pahls, Teil 1

Die meisten Motorradunfälle wären gar nicht passiert, wenn die Fahrer ein paar Grundregeln beachtet hätten. Doch trotz größter Vorsicht kann es - sogar unverschuldet - leicht einmal zu einem Unfall kommen. In einer Schulung wurde uns nicht nur gezeigt, wie man richtig fährt, sondern auch, wie man - möglichst ohne Schaden - richtig stürzt.

Ich erinnere mich noch gut an jene interessante Erklärung: Wenn Gefahr droht, immer vorn und hinten gleichzeitig bremsen, wenn möglich, ausweichen, so lange, wie möglich auf der Maschine bleiben. Wenn es nicht mehr möglich ist, dann abspringen, sich so klein wie möglich machen, den Kopf zwischen die Arme nehmen und sich - wenn irgend möglich - auf der Straße abrollen. Lieber sich die Arme zehnmal brechen als den Schädel.

Das schoss mir vor meinem schlimmsten Unfall, als mir bei hoher Geschwindigkeit plötzlich ein kleiner Lieferwagen die Vorfahrt nahm, durch den Kopf. Im letzten Moment drückte ich meine Maschine zur Seite runter und sprang ab, ich machte mich ganz klein und nahm den Kopf zwischen die Arme. Und dann rollte und rutschte ich ein ganzes Stück auf der Straße entlang und landete schließlich in einer Hecke. Es war eine Meisterleistung. Aber nicht meine. Heute weiß ich, dass es ein Wunder Gottes war.

Doch während die Hecke mir das Leben rettete, wünschte der Heckenbesitzer mir den Tod, als er zur Unfallstelle gelaufen kam und wutentbrannt die Worte schrie, die sich mir für immer unvergesslich eingeprägt haben:
»Lebt er noch? – Schlagt ihn tot!«

Es waren schreckliche Augenblicke. Nach einigen Minuten saß ich schon wieder auf meiner leicht beschädigten Maschine und raste davon.

Ich denke, dass ich ein sehr geschickter Motorradfahrer war, dass ich meine Maschine wirklich gut beherrschte. Ich hatte nur einen ganz schlimmen Fehler: Ich fuhr gern schnell, meist zu schnell. Manchmal veranstalteten wir richtige Rennen auf ganz normalen Straßen. Darum kam es auch zu einigen ganz gefährlichen Stürzen, die mich fast das Leben kosteten.

Am nördlichen Ortseingang von Oppershausen gibt es eine Kurve, die ich damals besonders liebte und die mich immer wieder anzog. Am liebsten hatte ich Linkskurven und genau diese Kurve lag mir einfach besonders. Ich erinnere mich an einen Sonntag, an dem mein Freund Horst und ich mit einigen Schaulustigen dort eine ganze Menge Zeit verbrachten. Die jungen Freunde standen am äußeren Straßenrand und gaben uns ein gut sichtbares Zeichen, das uns versicherte, dass uns niemand entgegen kam. Dann kamen wir wie echte Rennfahrer aus Richtung Lachendorf und rasten mit atemberaubendem Tempo auf der linken Straßenseite um die langgezogene Kurve. Das war dann ein Nervenkitzel für alle. Wir genossen natürlich das große Staunen unserer Zuschauer.

Kurz darauf las ich irgendwo folgende Mahnung:
»Vorsicht ist keine Feigheit
und Leichtsinn kein Mut!«

Plötzlich wurde mir bewusst: Wir waren eigentlich nicht mutig, sondern unverzeihlich leichtsinnig.
Ras’ nicht wie mit wilden Pferden

Als ich meine Ausbildung beendet hatte blieb ich noch ein Jahr im Betrieb meines Lehrmeisters, dann wechselte ich den Arbeitsplatz und wohnte seitdem wieder bei meinen Eltern.

In der Zeit hatte ich es öfter mal mit der Polizei zu tun, weil sich gelegentlich liebe Mitbürger über meine Fahrweise beschwerten. Eines Tages musste ich wieder in der Polizeistation antreten, um dreimal einen bestimmten Vers aufzusagen. Den hatte mir der gutmeinende Dorfpolizist beigebracht und mir geraten, vor jeder Fahrt an den Vers zu denken.

Nun saß ich wieder einmal reumütig vor ihm und sagte langsam Wort für Wort:
»Ras’ nicht wie mit wilden Pferden
durch das Weltgetümmel.
Bleib doch noch bei uns auf Erden,
geh noch nicht zum Himmel!«

Ich weiß nicht, von wem der Vers stammt. Jedenfalls soll damit sicher nicht ausgedrückt werden, dass jeder, der tödlich verunglückt, automatisch in den Himmel kommt.