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Leitartikel von Siegfried Korzonnek

Wenn der Menschensohn kommen wird,
wird er dann Glauben finden auf Erden? – Lukas 18,8

Irgendwann, nein, eigentlich gleich nachdem das Schiff geankert hatte und ich hineingestiegen war, kam ich dann weg von meiner Insel, auf der ich das Buch gefunden hatte, von dem ich später erfuhr, dass es DIE BIBEL war.

Während meiner Verschlagenheit auf jene Insel las ich sehr viel in „meinem Buch“. An manchen Tagen waren es 100 Seiten oder noch mehr. Ich las so viel darin, dass es nach 28 Jahren völlig aus dem Leim gegangen war und nur noch aus einzelnen Blättern bestand. Ich führte genau Buch. Bei jedem Neuanfang des Durchlesens dieses kostbaren Buches machte ich einen Strich auf der ersten Seite meiner BIBEL. Und heute machte ich, nach fast drei Jahrzehnten, den 82. Strich.

Aber je mehr ich nun darin las, desto mehr war ich erstaunt.

Ich hatte ja gesagt, dass ich ganz allein auf der Insel war. Zu dieser Zeit meiner Verschlagenheit auf die Insel konnte ich mich mit bestem Willen einfach nicht daran erinnern, vorher auch je einem zweiten Menschen begegnet zu sein, der ebenfalls solch ein interessantes Buch in der Hand gehabt haben konnte. Jedenfalls dachte ich, es konnte nicht so gewesen sein!

Denn ich wunderte mich sehr, dass so wenig von dem, was ich an herrlichen Dingen in diesem Buch las, bei den anderen Menschen, die ich früher kannte, Auswirkungen hatte. Hätten sie, wenn sie dieses Buch auch in die Hände bekommen hätten, und wenn sie es wirklich gelesen hätten, nicht auch die vielen Wunder erleben müssen, von denen in diesem Buch geschrieben war?

Und wäre die Welt, in der wir leben, nicht eine völlig andere geworden, wenn es wirklich noch mehr Menschen gäbe, die all das, was ich las, wirklich geglaubt hätten?

Und doch! Es muss so sein, dass auch andere Menschen vor mir dieses Buch schon gelesen haben müssen: Ganz dunkel kann ich mich, während ich dieses hier zu Papier bringe, an eine bestimmte Zeit vor meiner Verschlagenheit auf jene Insel erinnern. In meinen Gedächtnisgrüften kommen mir jetzt, wo ich genau darüber nachdenke, Begegnungen in den Sinn, die schon viele Jahre her sein müssen.

Jetzt kommt alles wieder zum Vorschein: Einmal war ich (es war wie gesagt lange her) schon einmal Menschen begegnet, die wohl dasselbe Buch in der Hand hatten wie ich. Es waren mehrere Menschen. Ja, eine ganze Gruppe war es, die sich in einem größeren Raum zusammenfand. Nachdem ein paar Lieder gesungen wurden, stellte sich plötzlich ein Mann vor diese Menschenansammlung und lobte für alle Anwesenden unüberhörbar den Inhalt eines großen Buches, das er in den Händen hielt. Auf diesem Buch las ich in goldenen Buchstaben eingeprägt die Worte: „Heilige Schrift“.

Er zitierte aus diesem Buch Worte, die davon erzählten, was Jesus in den Tagen tat, als er noch unter den Menschen wandelte – auch von den Aposteln. Und jetzt erinnere ich mich mehr als genau , wie ich in der letzten Reihe stand und immer mehr in den Himmel erhoben wurde, ähnlich wie der Mann, der vor der Gruppe sprach:

„Ich muss euch sagen, dass ich so gerne dabei gewesen wäre, als Jesus auf der Erde wandelte“, sagte der Mann da vorne. „So gerne wäre ich Petrus gewesen, in dessen Boot Jesus gestiegen war“, fuhr er fort. „Wie sehr wünschte ich, Johannes gewesen zu sein, der sich an Jesu Brust lehnte. Wie oft dachte ich schon: Wäre ich jener Saulus gewesen, der während des Rittes nach Damaskus vom Pferd fiel. Der die Stimme unseres Heilandes hörte. Wie selig wäre ich, könnte ich dabei gewesen sein, als Jesus die großen Wunder tat: wie der Herr 5000 mit ein paar Fischen und Broten sättigte, die Schwiegermutter des Petrus heilte und die Tochter des Jaïrus. Wie Jesus den Jüngling zu Nain und den Bruder Marthas und Marias vom Tode zum Leben erweckte. Wie sehr wäre ich bereit, ein Gelähmter zu sein, nur um von den Vieren zum Heiland gebracht, durch das Dach auf vier Seilen heruntergelassen zu werden, vor Jesu Füßen zu liegen, um dann von ihm – direkt aus dem Munde des Heilandes – die Worte zu vernehmen: ‚Dir sind deine Sünden vergeben‘ – und dann zu hören: ‚Steh auf, nimm dein Bett und geh!‘ Wie war es doch, als die 70 auf Jesu Geheiß hinausgingen und dasselbe vollbrachten, wie ihr Herr es tat. Wie gewaltig war es, als nach der Auferstehung Jesu nun Petrus einen Bettler irgendwo liegen sieht und sagt: ‚Gold und Silber habe ich nicht, aber was ich habe, das gebe ich dir: Im Namen Jesu – steh auf und wandle!‘ Ja, wäre ich in der Haut des Paulus, der das Evangelium verkündigte: nicht wie die anderen Schriftgelehrten und Pharisäer, nein, in mächtiger Kraft, in Erweisung von Zeichen und Wundern. Der Gottes Wunder auf jenem Schiff beim Seesturm erlebte; der erlebte, dass das Gift der Schlange, die ihn biss, ihn nicht zu Tode brachte. Wollt ihr … wollt ihr … das auch?“

Die Spannung war nun wirklich nicht mehr zu ertragen. Und nun erwartete ich, wie aus einem großen Chor ein Massenschrei all derer, die im Raum saßen, ein gewaltiges, ein einmütiges, ein in die Welt dröhnendes, nicht überhörbares „Jaaaaa!!! Das wollen wir!!“ ausgehen würde.

Aber ich hatte euch noch gar nicht gesagt, dass die Stimmung im ganzen Raum ganz plötzlich – in Bruchteilen von einer Sekunde auf die andere – plötzlich steil nach unten kippte und jener Glanz aus dem Gesicht des Mannes wich, der vor der Menschengruppe stand. Und auch die Stimme dieses Mannes verlor wie in einem Sturzflug seine Höhenlage und Begeisterung.

Wie gebannt, noch von der Herrlichkeit seiner eben gesprochenen Worte, ähnlich wie ich, in himmlische Sphären versetzt, verkrampften sich in derselben Sekunde, wie beim Redner, der eben noch von dem HERRLICHEN berichtete, die Gesichtszüge sämtlicher anderer Hörer. (Ich saß zwar ganz hinten, aber ich konnte doch die Gesichter mindestens eines Drittels aller Zuhörer genau beobachten.) Wie in einem Drama – ich hatte mal so etwas vor Jahren als Heranwachsender in einem Theater erlebt – wie in einem Drama kippte jetzt die Stimmung im gesamten Hörsaal um!

„Ich muss Euch etwas sagen, liebe Freunde“ – waren nun die Worte des Mannes da vorne. Die Spannung stieg fast ins Unerträgliche. Was wollte der Mann denn nun sagen? (Man konnte hören, wie plötzlich die Haarnadel einer anwesenden Hörerin auf den Filzboden fiel.)

„Ich muss euch etwas sagen“, rief er noch einmal mit Pathos vermischter Stimme in die Menge.

Anstatt nun – wie man erwartet hätte – die Zuhörer jener Versammlung mit neu gewonnenem Glauben und Siegesgeschrei nach Hause und in die Welt zu schicken, in die Welt, die so dringend das ganze Evangelium benötigt, legte der Mann das große schwarze Buch zur Seite und holte ein recht zerfleddertes, ziemlich vergilbtes, mit Eselsohren versehenes, mir viel dünner erscheinendes Büchlein hervor.

„Es gibt ein Problem“, begann er zu verkünden, indem er aus diesem mich völlig verwirrenden, dubiosen Büchlein zitierte. „Jesus sei nun nicht mehr derselbe wie vor fast 2.000 Jahren“, meinte er. „Was er damals getan habe, das tue er heute nicht mehr“, machte er uns allen, die wir voller Hoffnung waren, nun klar. „Auch die Zeit der Apostel und aller Wunderwirkungen seien vorbei.“

Mit diesen Worten schickte der Mann seine Hörer nun nach Hause. Nein, bevor er sie nach Hause schickte, lud er sie noch ein, in der nächsten Woche wiederzukommen …

Das alles ist mindestens 30 Jahre her.

Jetzt, nach so vielen Jahren der Überlegung, und in meinem Nachsinnen über diese Begebenheit wie von einem Donnerschlag getroffen und in tiefe Traurigkeit versunken, hatte ich die Antwort auf meine verwunderte Frage gefunden: Ich wusste nun, weshalb bei so vielen, die dieselbe BIBEL besaßen wie ich, das Lesen derselben so wenig Auswirkung hatte, und weshalb so wenig von der Herrlichkeit Gottes durch diese Menschen in die verlorene Welt getragen wurde, denn das Lesen all der wunderbaren Dinge, die ich durch das Lesen meiner BIBEL erfuhr, nützte ihnen nichts, weil es bei ihnen nicht mit GLAUBEN verbunden war. Sie lernten immerzu, aber lernten doch nichts hinzu.

Doch so sollte es nicht in meinem Leben sein. Das schwor ich mir …

Der Text ist entnommen aus dem bisher unveröffentlichten Manuskript von Siegfried Korzonnek: Robinson-Geschichten – Wie ein einfältiger Mann mit der Bibel die Welt eroberte, Kapitel 2.

Siegfried Korzonnek
Missionsleiter [Echo Oktober- November 2020]